„Bella ciao“ – Bamberg singt für Italien

März 2020 – Das Corona-Virus breitet sich weltweit aus. In Italien ist die Situation bereits extrem dramatisch. Die Menschen müssen isoliert in ihren Häusern bleiben, damit sich das Virus nicht noch schneller ausbreitet.
Auf Facebook tauchen Videos auf, die Menschen in Italien zeigen, die abends von ihren Balkonen aus singen, weil ihnen die Verbindung untereinander so wichtig ist. Das berührt uns in Bamberg.

Ich lebe in einer Straße mit einem sehr hohen musikalischen Potential und einem tollen Zusammenhalt. Auf eine spontane Idee von zwei Nachbarn hin, wollen wir uns treffen und von unseren Vordächern aus – auf einen Sicherheitsabstand bedacht – als solidarisches Zeichen mit der Situation der Menschen in Italien ein Lied singen.

Ein Nachbar, ein langjähriger guter Freund und hervorragender Musiker sucht das auch bei uns gut bekannte Lied aus, stellt sein elektrisches Klavier raus und bereitet einen einleitenden Text auf italienisch vor (den von uns keiner versteht;-)
Fast alle anderen Nachbarn richten sich auf ihren Vordächern ein mit weiteren Instrumenten – mit Gitarre, Djembe, Schellenkranz oder auch einfach nur mit Mülleimern zum Trommeln – und wir singen gemeinsam ohne große Probe das Lied „Bella ciao“. Ich filme unseren Gruß mit dem Handy mit und stelle das Video mit Zustimmung der anderen auf meinen YouTube-Kanal.
Ein Nachbar, der bei Radio Oberfranken arbeitet, teilt das Video auf deren Facebookseite. Wir schicken den Link zu unseren Freunden und Verwandten mit folgender Botschaft nach Italien:

Viele Menschen sind im doppelten Sinne betroffen von den massiven Einschnitten für uns In Europa. Unsere Straße wollte ein Zeichen der Solidarität mit den Menschen in Italien – und auch in Spanien und Österreich – setzen. Dazu haben wir diese wunderbare italienische Idee gewählt, sich über die Straße hinweg mit Liedern aufzuheitern.

Möge die Solidarität wachsen und das Virus schrumpfen!!!

Was in den nächsten Stunden und Tagen passiert, ist einfach unglaublich:
Innerhalb von weniger als 24 Stunden wird das Video über 200.000 mal gesehen. Die Menschen – v.a. in Italien – reagieren sehr emotional und drücken ihre Gefühle und ihre Dankbarkeit und Freude in unzähligen, sehr berührenden und persönlichen Kommentaren aus.
Wir bekommen Anrufe von uns unbekannten Menschen voller Dankbarkeit. Unser Oberbürgermeister Andreas Starke bekommt Nachrichten von italienischen Kollegen mit der Bitte, uns zu grüßen. Wir finden einen Blumenstrauß mit Dankesbotschaft vor unseren Türen und vieles mehr.

Immer mehr Medienanstalten werden auf unseren musikalischen Gruß aufmerksam: BR1, Frankenschau, SZ, sogar die Bildzeitung(?).
Italienische Zeitungen (Carriere.it, Altoadige) berichten über das Video. La Repubblica z.B. teilt das Video auch auf seiner Seite mit vielen Hunderttausend Klicks und wieder tausenden von Kommentaren. Der italienische Finanzminister teilt das Video, viele Personen twittern es weiter.

Am Tag drauf werden die regionalen Medien auf das Phänomen aufmerksam: inFranken, Nordbayerische Nachrichten, TVO … .
BR Capriccio und Brisant macht einen tollen Beitrag über unsere Aktion.
Deutschlandfunk Kultur berichtet, Welt.de, Sky Sport, österreichische Zeitungen (tt …), Stern, RTL, web24, Computerbild, Reuters, SZ, faz, msn, the Guardian, englischsprachige YouTube-Kanäle und sogar im Hage-Baumarkt finden wir unser Video bei den aktuellen Nachrichten.
Sogar TV-Produktionsfirmen aus Rom und Berlin fragen bei uns an und möchten eine Dokumentation über unsere Aktion produzieren. Wir sehen das zunehmend kritisch und befürchten, dass die mediale Vereinnahmung uns überrollt könnte.

Und dann finde ich noch auf meiner ARD-NachrichtenApp unter den Top-News: „Corona-Krise: Solidaritätsvideo aus Bamberg wird Internet-Hit“.
Das sind wir – unfassbar!


Anscheinend haben wir in einer durch das Corona-Virus sehr bedrückenden Zeit ein positives Zeichen gesetzt, das die Menschen extrem berührt und das Medien sehr gerne transportieren.

Die Nachbarschaft und ich verbringen die Abende damit, uns durch die schier endlose Menge an Kommentaren zu lesen (der Google-Translater macht es möglich;-)
Wir sind immer wieder überwältigt von der Emotionalität der Nachrichten und der Bedeutung, die unsere Geste für viele Menschen in Italien hat.

Daher beschließen wir, mit einem Video auf die Kommentare zu reagieren, Danke zu sagen und als Zeichen der Solidarität zwischen Menschen aus verschiedenen Ländern, die gegen die gleiche Bedrohung kämpfen, einen Dankestext in drei Sprachen aufzunehmen:

Überwältigt von den europaweiten, ja mittlerweile weltweiten Reaktionen auf unser Video wollen wir uns für alle eingegangenen Kommentare aus tiefstem Herzen bedanken. Wir tun dies in drei Sprachen: auf Italienisch, Englisch und Deutsch.

Lasst uns in Kontakt bleiben: Singt jeden Abend um 18:00 (Central European Time) unsere Europäische Hymne, die „Ode an die Freude“.
Wir werden das in unserer Straße tun.

Freude – schöner Götterfunken
Tochter aus Elysium,
Wir betreten feuertrunken
Himmlische, dein Heiligtum.
Deine Zauber binden wieder
Was die Mode streng geteilt.
Alle Menschen werden Brüder
Wo dein sanfter Flügel weilt.

Und schon am ersten Abend kam pünktlich um 18:00 Uhr eine Nachricht aus Italien mit dem sinngemäßen Inhalt auf italienisch: „Danke für die Geste. Wir werden mit euch singen.“

Eine weitere Videoantwort, die uns sehr berührt hat, kommt aus Sezze (südlich von Rom):

Nach gut drei Wochen haben wir alleine über YouTube über 3.000.000 Menschen auf der ganzen Welt erreicht, die uns tausende von herzlichen Kommentaren geschrieben haben:

Mit welcher Symbolkraft unser Solidaritäts-Video weltweit aufgenommen wurde, wird uns durch die Anfrage von Google deutlich, die drei Sekunden unseres Videos (an sehr prominenter Stelle: als letzte Einstellung) in einen Kurzfilm eingebaut haben, über die verschiedenen Möglichkeiten während der COVID-19-Pandemie zu helfen.
Das großzügig bemessene Geld von Google für die Lizenzen spenden wir – wie auch alle anderen Einnahmen, die wir in Zusammenhang mit den Video hatten – an (das Ende März) besonders betroffene Krankenhaus von Bergamo.
Die Kontoverbindung zum Krankenhaus findet man auch bei den Informationen zu unseren Videos bei YouTube.

25.04. 2020 – Fabrizio Zanotti, ein bekannter italienischer Liedermacher und Sänger (der z.B. auch schon mit Konstantin Wecker gesungen hat) hat uns eingeladen mit ihm zusammen zum italienischen Befreiungstag gemeinsam zu singen.
Über einen Video-Chat vernetzt haben wir um 15:00 Uhr beiderseits der Alpen das mit diesem Tag verbundene „Bella Ciao“ gesungen. Das Lied, das durch unsere Interpretation zu Anfang der Corona-Krise auch für manche Italiener eine neue Bedeutung bekommen hat:
die Hoffnung auf ein gemeinsames, solidarisches Europa!